Die Montmartre-Runde

     

Texte von Hans Mühlethaler:

 


Zum Begriff der Repräsentation: 

Eine Lichtquelle, etwa eine elektrische Lampe, wirft
Licht auf eine Bildfläche, beispielsweise auf unseren
Schreibtisch. Nun halte ich meine Hand zwischen die
Lichtquelle und die Bildfläche, so dass die Hand einen
Schatten auf den Schreibtisch wirft. Der Schatten ist die
Repräsentation der Hand auf der Bildfläche. Auf deutsch
hei
βt Repräsentation Darstellung. Die Repräsentation der
Hand ist eine Information über das Objekt Hand. Sie ist
die körperlose, immaterielle Vergegenwärtigung des kör­
perhaften, materiellen Objekts auf einem Medium: auf
Holz oder auf Papier etc.
Betrachte ich abwechslungsweise beide Erscheinungen
der Hand, die wirkliche und die dargestellte, so erfahre
ich den Unterschied zwischen der materiellen Welt, die
wir auch die reale nennen, und der immate­riellen, die wir
die informelle, virtuelle, geistige nen­nen. Auf der
wirklichen Hand sehe ich jede Einzelheit: die Furchen
und Falten, das Geflecht der Adern, die Haare, die
Laubflecken und die feinen Punkte der Haut, während
beim Schatten all diese Details zu einer flächenhaften,
mehr oder weniger dunklen, fünffingrigen Figur
verschmelzen. Gegenüber der wirklichen Hand hat der
Schatten den Vorteil, dass er sich besser einprägt, da er
nicht mit den vielen Details belastet ist.
Ziehe ich die Hand zurück, ist auch der Schatten
verschwunden. Dies zeigt, dass der Schatten für sich
allein nicht bestehen kann. Er ist mit dem Objekt ver­
knüpft, das er repräsentiert. Umgekehrt kann das Objekt
durchaus ohne seine Repräsentation bestehen. Eine Hand
bleibt eine Hand, auch wenn sie nicht von einer
Lichtquelle auf eine Bildfläche projiziert wird. Sie bleibt
eine Hand sogar dann, wenn die Lichtquelle erlischt. In
diesem Fall kann ich überhaupt nichts mehr sehen, weder
die Hand, noch ihren Schatten. Aber ich kann die Hand
immer noch bewegen, ich kann sie befühlen, sie zum
Umhertasten, zum Greifen irgendeines Gegenstandes
benutzen. Sie ist Teil der materiellen Welt, und diese ist
die Voraussetzung dafür, dass es eine immaterielle Welt
überhaupt gibt.

Aus dem Buch: Das Bewusstsein – Ursache und Überwindung
der Todesangst, 2006. ISBN 3-8334-4914-4, PB, 188 S., € 13.20

 

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frostwarnung mit den letzten

strahlen der sonne geschrieben die

 

                welt wird in ein

                plastik gehüllt wie

 

kaninchen schlüpfen

gedanken unter die zäune

 

                es liegt am

                wartenden an den

                teichen aus blei

 

an den zöpfen ohne bindschnur

umkehr

wurde geboten das licht

aus den batterien des elends zerrann mir

zwischen den händen ich

dachte ich wickelte mich ein

in windeln

 

                ein schneckenhaus

                neben dem silberbesteck

Aus dem Buch: Frühe Gedichte und Prosatexte
ISBN 978-3-8334-9165-8, PB, 132 S., € 9.40

 

 

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der neandertaler

 

vor meiner brasserie

an der rue custine

wankte ein neandertaler

von tisch zu tisch

bettelte eine zigarette

bei einem zeitungsleser

griff dem jungen mädchen

unter den rock

trank mir mein

bier aus

biss in mein schinkenbrot

und erbrach sich

über meine hose

dann lachte er

und verschwand

hinter der nächsten

litfasssäule

 

ich dachte

was muss das für ein

fröhliches leben

gewesen sein

damals im

neandertal

 

 

Aus einem Gedichtband, der voraussichtlich
    anfangs 2009 erscheinen wird
 

 

 
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Zur neuen HOMEPAGE von Hans Mühlethaler: www.hansmuehlethaler.com/

 

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